BerlinScienceSurvey

Open Science

Unter dem Begriff Open Science werden verschiedene Praktiken diskutiert, die im weitesten Sinn auf die Erhöhung von Zugänglichkeit, Nachvollziehbarkeit und Nachnutzbarkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Ergebnissen abzielen. Im Berlin Science Survey wird der Verbreitungsrad dieser Praktiken erhoben, um im Zeitverlauf Trends bezogen auf die Verbreitung dieser Praktiken ermitteln zu können, aber auch Schwierigkeiten zu identifizieren. 

In der Auswertung über Ziele in der Wissenschaft haben wir feststellen können, dass Open Science als Ziel in der Wissenschaft im Vergleich zu den anderen, einzuschätzenden Zielen, eine mittlere Position einnimmt (siehe Abbildung 1), der Erwartungsdruck hierbei jedoch, neben der „guten Lehre“ am geringsten wahrgenommen wird (siehe Abbildung 2) und folglich Open Science in der Priorisierung der Ziele, die im Berlin Science Survey gegenübergestellt wurden, bei der Mehrheit der Wissenschaftler:innen auf den letzten Platz zurückfällt (siehe Abbildung 3).

Fragt man danach, wie wichtig die Wissenschaftler:innen die Ausweitung von Open Science für die Wissenschaft insgesamt einschätzen, so zeigt sich, dass über 95% die Ausweitung wichtig finden (siehe Abbildung 8).

 

Abbildung 8 Wichtigkeit Ausweitung Open Science

 

Open Science hat also kein Image-Problem, es stellt sich jedoch die Frage, ob Open Science ein Umsetzungsproblem hat. Hierzu schauen wir uns im Folgenden die Ergebnisse zu der Verbreitung von Open Science Praktiken an. 

Wir haben dazu die Wissenschaftler:innen danach gefragt, wie etabliert verschiedene Open Science Praktiken in ihrem Forschungsalltag sind. Aus Studien zu Open Science ist bereits bekannt, dass die verbreitetste Open Science Praktik das Open Access Publizieren ist, sprich die öffentliche und kostenlose Bereitstellung von wissenschaftlichen Publikationen. Auch hier zeigt sich eine gute Etablierung dieser Praktik: Im Schnitt geben die Wissenschaftler:innen an, dass gut 55 % ihrer Publikationen frei und kostenlos im Netz verfügbar sind (Abbildung 9).

Die Fächerunterschiede sind insgesamt nicht außerordentlich groß und auch in den Geisteswissenschaften, wo Open Access am wenigsten verbreitet ist, werden immerhin gut 46% der Publikationen frei zugänglich publiziert. Vorreiter beim Open Access Publizieren sind allerdings die Naturwissenschaften mit über 63 % frei und kostenlos zugänglichen Veröffentlichungen. Dies erstaunt nicht, da in den Naturwissenschaften mit Open Science Repositories wie arXiv bereits eine längere Tradition in diesem Bereich besteht.

 

Abbildung 9 Anteile Open Access Publikationen nach Fächergruppen

 

Von denen, die Open Access publizieren, wurde erhoben, auf welcher der drei gängigsten Routen – Gold, Green oder Hybrid Open Access – sie ihre Publikationen verfügbar machen.

Zum Gold Open Access zählen alle elektronischen Erstveröffentlichungen in kostenlos und frei zugänglichen Journals (Open Access Journals). Unter Green Open Access versteht man alle elektronischen Zweitveröffentlichungen in frei zugänglichen institutionellen oder fachlichen Online-Archiven bzw. Repositorien, oder auf Webseiten (so genannte Pre- oder Postprints). Beim Hybrid Open Access wiederum werden gegen eine Gebühr für Autor:in und/oder Sponsor:in Artikel für die Leserschaft in ansonsten bezahlpflichtigen Journals frei zugänglich gemacht.

Im Durchschnitt aller Wissenschaftler:innen  zeigt sich, dass der goldene Weg des Publizierens in einem „echten“ Open Access Journal mit 51 % überwiegt. Den grünen Weg der Vor- oder Zweitveröffentlichung beschreiten 39 % der Befragten und den hybriden Weg gehen ebenfalls gut ein Drittel der Befragten (ohne Abbildung).

Jedoch verbergen sich hinter diesen Durchschnittswerten durchaus fächergruppenspezifische Unterschiede (siehe Abbildung 10). Während die Ingenieurswissenschaften die Green Route priorisieren, ist bei allen anderen Fächergruppen und ganz besonders deutlich bei den Lebenswissenschaften die Gold Route dominierend. Letztere nutzen dagegen eher seltener die Green Route (nur gut 27 %). Das Format des Hybrid Open Access wird von den Geisteswissenschaften mit 23,5 % am seltensten genutzt. Das kann auch finanzielle Gründe haben, da das DFG-Förderprogramm zur Finanzierung von Open Access Publikationen Hybrid Open Access explizit ausschließt. Insgesamt ist im Bereich Open Access in den kommenden Jahren mit deutlichen Dynamiken zu rechnen, sowohl auf der Seite der Wissenschaftler:innen und ihrer Einrichtungen aufgrund von steuerungspolitischen Maßnahmen, aber auch bei den Publikationsverlagen aufgrund von Finanzierungsfragen und Entwicklungen bei Vertragsabschlüssen zwischen Universitäten und Verlagen.

 

Abbildung 10 Nutzung verschiedener Open Access Formate nach Fächergruppen

 

Andere Open Science Praktiken sind im Vergleich zum Open Access Publizieren deutlich weniger weit verbreitet und überdies auch nicht in allen Forschungskontexten relevant (siehe Abbildung 11). Wir gehen davon aus, dass Open Science Praktiken dann in den Forschungsrealitäten der Befragten zu Routinen geworden sind, wenn die Befragten angeben, dass sie die Praktik „oft“, „sehr oft“ oder „immer“ anwenden.

Daten aus der eigenen Forschung öffentlich und kostenlos zugänglich zu machen, also Data Sharing, ist in diesem Sinn für 26,8 % der Befragten zur Routine geworden und somit die verbreitetste dieser OS-Praktiken.

Code und Material Sharing, also studienrelevantes Material aus der eigenen Forschung (Code, Frage- bögen, Baupläne usw.) öffentlich und kostenlos zugänglich zu machen, ist bereits für 26,7 % der befragten Wissenschaftler:innen Teil des Forschungsalltags geworden.

Der Einbezug von Bürger:innen und/oder zivilgesellschaftlichen Akteur:innen in die eigene Forschung (im Folgenden auch „Citizen Science“) praktizieren lediglich 10,6 % der Befragten regelmäßig, wobei hier auch der Anteil derer, die diese Praktik für die eigene Forschung als nicht relevant ansehen, mit 24,7 %  besonders hoch ist. Der Open Peer Review Prozess ist bereits für 21,2 % der Befragten zur Routine geworden.

 

Abbildung 11 Häufigkeiten Open Science Praktiken

 

Die Daten zur Verbreitung der Open Science Praktiken bestätigen den Verdacht, dass Open Science zwar kein Image-Problem, wohl aber ein Umsetzungsproblem hat. Trotz der hohen Wichtigkeit, die Open Science von den Wissenschaftler:innen beigemessen wird, ist die Umsetzung von Open Science in dem Forschungsalltag der Wissenschaftler:innen von geringster Priorität. Niedriger Erwartungsdruck resp. geringe Anreize sind für diese niedrige Priorisierung vermutlich mitverantwortlich in Kombination mit konkurrierenden Zielen, die mit stärkeren Anreizen verknüpft sind. Dies könnte sich durch zusätzliche Hürden bei der Umsetzung von Open Science noch verschärfen. Wir haben daher gefragt, inwieweit bei der Umsetzung der einzelnen Open Science Praktiken Schwierigkeiten gesehen werden. Hierbei wurden alle Personen über alle Praktiken befragt, unabhängig davon, ob sie diese für die eigene Forschungspraxis als relevant ansehen, oder nicht.

In Abbildung 12 zeigen sich für die verschiedenen Praktiken unterschiedliche Muster, die für die eher geringe Verbreitung dieser Praktiken ursächlich sind: Während der überwiegende Teil (41,8 %) angibt, bei Citizen Science die Schwierigkeiten in der Umsetzung gar nicht erst einschätzen zu können, sehen bei der Bereitstellung von Daten knapp 41 % der Befragten große oder sehr große Schwierigkeiten. Dies zeigt, dass die Open Science Praktiken selbst sehr unterschiedlich priorisiert werden. So können offensichtlich mehr Wissenschaftler:innen beim Thema Open Data  die Schwierigkeiten bei der Umsetzung einschätzen, als beim Thema Citizen Science, was eine höhere Relevanz, oder einen höheren Bedarf für Data Sharing nahe legt.

Open Access gilt dagegen, wie wir bereits berichtet haben, als mittlerweile recht etabliert. Entsprechend sehen auch 68,8 % überhaupt keine, oder nur geringe Schwierigkeiten in der Umsetzung.

 

Abbildung 12 Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Open Science Praktiken